Preisträgerarbeit: Vingardium Hypnosia

Dieser Beitrag wurde beim Wettbewerb „Nachbarn im Osten“ (Haus der Heimat) im Schuljahr 2020/2021 mit einem Preis ausgezeichnet.

von Marian Rittberger

Vingardium Hypnosia

Es war einmal ein sehr zerstreuter Magier, der zweifelnd vor einem Haufen Blech und Schrauben stand. Er sollte aus dem Haufen etwas erschaffen, mit dem er Seite an Seite gegen die dunklen Mächte kämpfen konnte. Ein mächtiger schwarzer Lehmgolem war von den dunklen Mächten auf Prag losgelassen worden. Er sollte an den Menschen Rache verüben und die Stadt zerstören, weil die Einheimischen die dunklen Mächte verspottet hatten. Die Prager waren Freunde des Magiers und deshalb wurde er für diese wichtige Aufgabe ausgewählt, obwohl er dauernd die Zaubersprüche vergaß.

Er hatte es in fünf Versuchen immer noch nicht geschafft. Doch jetzt war er sich sicher, dass er den richtigen Spruch gefunden hatte. Er hob den Zauberstab und rief, den Zauberstab auf den Haufen gerichtet: „Ramoro Repria!“ Und – ja! Es glückte. Aus dem Haufen Schrott erschien ein kleiner, blauer Roboter, mit einem elliptischen Kopf, einem zylinderförmigen Oberkörper und Rollen anstelle von Füßen. Die Schrauben waren sehr stark angerostet. Sie waren nicht mehr blau, sondern hatten eine sehr dunkle, braune Farbe.

Doch es gab es ein Problem: Der Magier musste den kleinen Roboter noch so verzaubern, dass er sich fortbewegen, sehen und sprechen konnte. Außerdem hatte er eine weitere tolle Idee: Er könnte ihn doch so verzaubern, dass er dem Magier die Zaubersprüche mitteilen konnte, die er immer vergaß. Unglücklicherweise hatte er beim Zaubern aber den Spruch falsch betont und deshalb konnte der Roboter leider nicht sprechen. Um ihm trotzdem das Sprechen zu ermöglichen, begann der Magier auf den kleinen Roboter einzureden. Der Magier sagte: „Das ist ein Baum!“ und zeigte dem Roboter ein Bild von einem Baum. Der Roboter sah sich das Bild an und wiederholte: „Buam!“ „Nicht Buam, sondern BAUM!“, sagte der Zauberer. „B-A-U-M!“ Das machte er jetzt mit allen Wörtern, von denen er glaubte, dass sie im Kampf um Prag wichtig wären. Der Magier dachte sich dabei, dass es viel Zeit in Anspruch nehmen würde, dem Roboter all die wichtigen Sachen zu erklären und beizubringen.

Als sie endlich fertig waren, hob der Zauberer erneut seinen braunen Zauberstab, murmelte einen Spruch und es erschien eine goldene Kutsche, mit der sie vorhatten, nach Prag zu fahren. Der Zauberer wollte sich schon nach vorne setzen, doch da saß schon jemand! Es war ein großer kräftiger Mann. Er schien den Zauberer noch nicht bemerkt zu haben, da hörte man aber schon fröhliches Quietschen von hinten. Der Magier sah sich um und bemerkte gerade noch rechtzeitig, was da Blaues auf den Sitzpolstern herumhüpfte. Auch der Kutscher drehte sich um, doch als sein Blick die Rückbank erreichte, saßen da nur ein braver Roboter und ein aus dem Fenster guckender Zauberer. Einige Minuten später fuhren sie mit der Kutsche los.

Der Kutscher hatte eine sehr tiefe Stimme, mit der er den Zauberer und den Roboter nach einigen Stunden bat, die Kutsche zu verlassen. Die beiden stiegen aus und schauten auf das schöne Bild, das sich ihnen bot. Vor ihnen lag Prag, die goldene Stadt an der Moldau. Von der Erhöhung, auf der sie standen, sahen sie einen großen Teil der Moldau mit der Karlsbrücke. Ungewöhnlich wenige Touristen und Boote waren zu sehen. Doch die beiden mussten sich jetzt schleunigst ihrem Auftrag zuwenden.

Als erstes wollten sie das goldene Gässchen durchkämmen und nach Hinweisen und Spuren suchen, die helfen würden, den Golem aufzuspüren und auch zu besiegen. Doch außer einer Fußspur und einigen zerschmetterten Gegenständen wie Stühlen fanden sie nichts. Die Fußspur konnten sie jedoch sicher zuordnen: Sie gehörte dem Golem. Der kleine Roboter und der Zauberer untersuchten die Fußspur und ihre Ausrichtung. Nach einigen Minuten stellte sich heraus, dass der Golem in Richtung des tanzenden Hauses gegangen war.

Als sie das tanzende Haus erreichten, bemerkten sie, dass davor Wachen standen. Also musste der Golem im tanzenden Haus sein! Doch zuerst mussten sie an den Wachen vorbei. Ohne lange nachzudenken stürzte sich der Magier mit einem lauten Kampfschrei auf die Wachen. Diese waren mit einem Schwert bewaffnet, trugen aber keine Rüstung. Der kleine Roboter kam mit Hypergeschwindigkeit zum Magier geschossen und die Beiden kämpften, was das Zeug hielt. Da rief der Magier dem Roboter zu: „Wie lautete nochmal der Schockzauber?“ Und der Roboter antwortete leise: „Dertninium Olympius!“ Das letzte Wort wurde von einem Quietschen verschluckt und der Magier verstand: „Dertninium Olympuriiiiii.“ Das sprach er also auch nach, doch es passierte nichts. Jetzt blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit den Fäusten zu kämpfen. Der Magier schlug dem Ersten mit der Faust ins Gesicht, dass er Nasenbluten bekam und wegen einer Beule am Auge nichts mehr sah.

Der Roboter fuhr seine Arme aus und zog einer anderen Wache glatt von hinten das Schwert aus der Hand! Der nahm die Beine in die Hand und rannte um sein Leben. Einem weiteren nahm er ebenfalls das Schwert aus der Hand und gab es dem Magier. Als sie alle Wachen überwältigt hatten, dachte der Magier: „Wenn der Golem so kämpft wie die Wachen, dann haben wir den Sieg in der Tasche!“ Doch zu einem Kampf mit dem Golem kam es gar nicht. Denn als sie voller Kampfgeist das tanzende Haus betraten, merkten sie, dass die Sache mit den Wachen nur eine Ablenkung war, denn das Haus war leer. Der Roboter sagte zum Magier: „Das uar nur an gmeinr Trick!“ Und der Magier antwortete: „Wir sind auch noch darauf hereingefallen! Aber immerhin haben wir jetzt zwei Schwerter und können das tanzende Haus hinter uns lassen. Lass uns schauen, ob sich auf der Karlsbrücke Spuren befinden, die auf den Golem hinweisen.“

Also machten sie sich auf den Weg zur Karlsbrücke, fanden jedoch außer einem zerfetzten Küchenhandtuch nichts. Der kleine Roboter war sehr müde, also suchte der Magier nach einem Hotel in der Stadt und fand sogar eins. Dort legten sie sich in die gemütlichen Betten und schliefen erschöpft ein.

Am nächsten Morgen mussten sie schon sehr früh aufstehen. Die beiden aßen ein kurzes Frühstück und machten sich auf den Weg. Heute war ihr erstes Ziel der Veitsdom. Schon bevor sie ihn erreicht hatten, sahen die beiden, dass es nicht leicht werden würde, im Dom nach Hinweisen zu suchen. Als sie durch die Tür traten, war alles voller Laserstrahlen! Der Magier erkundigte sich beim Roboter nach dem Unsichtbarkeitszauber und der Roboter antwortete: „Asofria prolerant!“ Der Magier hob den Zauberstab und wiederholte den Spruch, den der Roboter gesagt hatte, doch statt unsichtbar zu werden, bekam er weiße Haare auf die Glatze und sein weißer Bart wurde in wenigen Sekunden mindestens 20 Zentimeter länger! Nun mussten sie sich eben in sichtbarem Zustand durch die grünen Strahlen bewegen. Als sie schon die Mitte der Laserstrahlen erreicht hatte, stolperte der Magier und verlor die Kontrolle über seinen Bart. Dieser wurde von einem der Strahlen angesenkt. Als sie sich endlich durchgekämpft hatten, war der Bart des Magiers 30 Zentimeter kürzer, der Roboter hatte einen fetten Kratzer an der Brust und der Magier hatte einen Riss in seinem Umhang. Die abstehenden Schrauben des kleinen Roboters waren an den Seiten etwas angebrutzelt. Doch einen ernsthaften Schaden hatte sich keiner zugezogen.

Als sie ganz oben im Dom angekommen waren, fanden sie mehrere Spuren des Golems, die ihnen verrieten, dass er eindeutig hier gewesen war. Der kleine Roboter wollte sich schon bücken und die Spuren aufzeichnen, doch die angerosteten Schrauben verhakten sich und der Roboter kam nicht ganz an den Boden zu den Spuren. Der Magier musste mit dem Schraubenzieher die Schrauben wieder an den richtigen Platz bugsieren, sonst wäre der kleine Roboter auseinandergefallen. Dank der Hilfe des Zauberers bückte sich der Roboter, als wäre nichts gewesen und merkte sich die Spur ganz genau.

Sie wies darauf hin, dass der Golem in Richtung der Manisbrücke gegangen war. Er konnte noch nicht weit gekommen sein denn die Spuren waren noch frisch. So konnten ihm die beiden sehr leicht folgen. Sie liefen den Spuren nach, immer weiter, bis etwas Unerwartetes passierte! Die Spur teilte sich in zwei! Der kleine Roboter war ganz entsetzt und sagte: „Du willst uns doch nicht in zwei Teile schneiden!!!“ Und der Magier sagte ganz gelassen: „Aber natürlich nicht! Wie kannst du nur so was denken?! Wir teilen uns einfach auf! Ich gehe nach rechts und du nach links, ok?“ „Ja ok. Aber was ist, wenn wir uns verlieren?“ ,fragte der Roboter. Doch der Magier hatte gleich an alles gedacht und die berüchtigten magischen Walkie-Talkies mitgenommen. Damit konnte man immer sehen, wo der Andere sich gerade aufhielt.

So gingen sie eine Weile, bis der Magier am anderen Ende der Leitung einen Jubelruf vom kleinen Roboter hörte. Danach zischte er dem Magier zu: „Ich sehe ihn!!! Der Golem ist keine 10 Meter vor mir im Letna Park! Komm schnell!!!“ Der Magier kam herbeigerannt und nun sah auch er den riesigen Golem, der durch ein Waldstück des Parkes stampfte und mit Leichtigkeit ein paar Bäume ausriss. Die beiden berieten sich kurz und waren sich einig, dass sie den Golem mit Felsbrocken bewerfen wollten. Also stiegen sie auf eine Klippe und schoben mit vereinter Kraft einen riesigen Felsbrocken bis an den Rand der Klippe. Nun mussten sie den Brocken nur noch herunter schubsen. Dazu nahm der Roboter Anlauf und warf sich mit dem Rücken gegen den Felsbrocken. Der Stein fiel herunter und traf den Golem mitten auf den Kopf. Der Golem schaute hinauf und schrie vor Schmerz.

Doch auf der Klippe war keiner mehr. Der Golem wollte den Zauberer packen, den er im Dickicht gesehen hatte, doch da bekam er schon von hinten mit einer eisernen Faust einen harten Schlag an den Hinterkopf. Er jaulte, drehte sich um, bereit für einen Gegenschlag und hielt sich den Kopf. Der Magier rief: „Wie lautete der Kitzelfluch??“ Und die Antwort kam: „Retfuria plaman!“ Der Magier hob den Zauberstab und wiederholte den Spruch. Ein grünes Licht schoss aus seinem Zauberstab und der Golem kratzte sich lachend am ganzen Körper. Als nächstes hatte der Magier vor, den Golem mit einem Verkleinerungs-Zauber zu erschrecken. Diesen wusste er auswendig. Er zauberte sich klein während der Roboter groß blieb. Der Zauberer setzte sich in den Haarschopf des Golems und zog ihm kräftig an den Haaren. Dieser fasste sich in die Haare doch der Roboter kam von hinten und steckte ihm 2 Federn in die Nase. Er verbrachte einige Zeit damit sich mit seinen dicken Fingern die Federn aus der Nase zu popeln. In dieser Zeit konnten die Beiden einen weiteren Gegenangriff planen, mit dem sie den Kampf für sich entscheiden wollten.

Eigentlich mussten immer 2 Magiere den Betäubungsfluch für Golems aussprechen, doch sie beschlossen, es mit einem Magier und einem Roboter zu versuchen. Also holte der Magier den Zauberstab heraus und sprach mit dem Roboter zusammen die Formel aus: „Vingardium Hypnosia!“ Ein blaues Licht erschien und die Glieder des Golems erschlafften und der Koloss fiel mit einem BUMMS!!! auf den weichen Parkboden. Der Aufprall erschütterte den Park und die Vögel stiegen in einer großen Zahl vor Schreck in den Himmel auf. Sie hatten es tatsächlich geschafft, den Golem zu überwältigen.

Nun mussten sie ihn aber noch nach Prag, in den Gerichts- und Verhandlungssaal schaffen, damit die Richter über sein Urteil entscheiden konnten. Auf einmal polterte es hinter ihnen und ein sehr alter Mann kam in einer ebenfalls alten Kutsche angefahren. Der Zauberer sprach kurz mit ihm und der Kutscher bat sie kurz danach, einzusteigen. Der Golem wurde in einem großen Anhänger mitgezogen. Als sie im Gerichtssaal angekommen waren, berichteten sie warum sie den Golem anklagen wollten. Nach kurzer Beratung entschieden die Richter, den Golem lebenslänglich ins Gefängnis der Zauberer zu schicken.

Nach der Verurteilung feierten der Magier und der Roboter ihren Sieg im Grand Café. Der Magier unterhielt sich mit seinen Freunden, die ebenfalls gekommen waren, und der Roboter bekam sogar 2 Kugeln seines geliebten Öl-Eis. Er freute sich wie ein Schneekönig aus Blech und Eisen. Und so wurde der Magier feierlich in den Kreis der alten Magier aufgenommen, denn er hatte eine wichtige Aufgabe erfolgreich gemeistert. Der Roboter blieb für immer sein Freund und sie erlebten zusammen noch viele weitere Abenteuer. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.