Die Vermessung der Welt

Beitragsbild von: Dustin A. Bauer

von Niklas Neumann

„Vermessung der Welt“ – Im südamerikanischen Urwald oder im stillen Kämmerlein?

Dieses Buch zeigt eindrucksvoll, dass beide Wege zum Ziel führen. 2005 von Daniel Kehlmann beim Rowohlt Verlag veröffentlicht, konnte das Buch so große positive Wellen schlagen, dass es 2012 sogar verfilmt wurde. Aber warum wird es so hochgeschätzt, obwohl die beiden Protagonisten häufig in ein makabres Licht gestellt werden?

Das Werk handelt von dem Leben zweier großer Genies des 19. Jahrhunderts, Alexander von Humboldt, ein Naturforscher, und Carl Friedrich Gauß, einem Mathematiker und Astronom. Beide werden durch einen starken Drang die Welt zu erforschen geeint, trotz vollkommen verschiedener Herangehensweisen, und begegnen sich gegen Ende der Geschichte in Berlin. Es ist jedoch kein Roman, in dem zwei Genies nur gepriesen werden, es wird auch über die alltäglichen Probleme und die Weltfremdheit der beiden berichtet.

Der Aufbau des Buches ist auffällig, da der größere Teil aus zwei parallelen Biografien aufgebaut ist, die jedoch nicht chronologisch von jedem Erlebnis berichten. Die Kapitel erscheinen wie unabhängige Geschichten, wie z.B. die der Besteigung eines hohen Berges in den Anden durch Humboldt. Diese werden jedoch durch fiktive Ergänzungen so ausgeschmückt, dass sie besser in das Konzept des Autors passen, was manchmal Zeitsprünge zur Folge hat, die den Leser herausfordern. Es handelt sich demzufolge mehr um eine gekonnte Aneinanderreihung von verschiedenen Anekdoten als um Biografien.

Außergewöhnlich in „Die Vermessung der Welt“ ist die Abfolge der Kapitel. In einer Art Ping-Pong-Prinzip beschreibt abwechselnd ein Kapitel das Leben von Gauß und das nächste das von Humboldt. So wird man animiert über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Protagonisten nachzudenken.

Es handelt sich um einen auktorialen Erzähler. Er schildert parallel Ereignisse, die nicht parallel stattfanden und beginnt schon im ersten Kapitel von dem Treffen der beiden zu erzählen, obwohl er dieses erst am Ende wieder aufgreift und zu Ende führt. Außergewöhnlich ist insgesamt, dass die wörtliche Rede konsequent vermieden wird und daher nahezu immer der Konjunktiv verwendet wird. Dies hat zur Folge, dass man manchmal den Unterschied zwischen Gesprochenem und Gedachtem schwer erkennen kann. Darüber hinaus kann sich der Leser so nur schwer mit den Protagonisten identifizieren.

Obwohl die Handlung im 19. Jahrhundert spielt, ist die Sprache verständlich. Ferner könnte man in Anbetracht des hohen wissenschaftlichen Niveaus der beiden Protagonisten annehmen, dass sich der Text in zu viel Fachsprache verliert; doch das ist nicht der Fall. Es wird gewährleistet, dass das Buch sehr leicht und angenehm zu lesen ist, allerdings lernt man insgesamt nicht viel über die wissenschaftlichen Herangehensweisen der Protagonisten. Wenn jemand also eine wissenschaftliche Lektüre zu den beiden lesen will, ist er hiermit nicht gut beraten. Wer aber einen unterhaltsamen Roman will, bei dem man, getrieben durch Kontraste, immer weiterlesen muss, dem ist dieses Buch zu empfehlen.

Das Buch regt zum Nachdenken an und vielleicht geht der ein oder andere Leser so weit, sich selbst mit den Protagonisten zu vergleichen.

Obwohl der Autor die beiden Protagonisten manchmal in einem etwas makabren Licht dastehen lässt, verfolgt er nicht das Ziel sich über die beiden lustig zu machen, allerdings auch nicht sie zu rühmen. Humboldt findet sich beispielsweise in einer peinlichen Situation wieder, in der er sich mit einer ihm bestellten Prostituierten auseinandersetzen muss. Solche Szenen sind nötig, um das Bild, das bei dem Leser erzeugt werden soll, zu vollenden.

Wenn man davon ausgeht, dass es das Ziel des Autors gewesen ist, zu zeigen wie zwei unterschiedliche Forscherpersönlichkeiten sich einen Raum geschaffen haben, den sie vermessen können, fällt auf, dass die beiden Protagonisten prädestiniert dafür sind. Denn Gauß‘ Raum ist der Geist – im Gegensatz zu Humboldt, dessen Raum die weite Welt darstellt. Aus diesen Gründen ist das Buch meiner Ansicht nach zu empfehlen. Es regt zum Nachdenken an, ist aber gleichzeitig leicht verständlich und amüsant.