Preisträgerinnenarbeit – Lesen: früher, heute, morgen

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen des Europäischen Wettbewerbs 2021 zum Thema: Lesen: früher, heute, morgen und wurde mit einem Bundespreis als beste Arbeit in der Kategorie „Text“ ausgezeichnet.

von Anna Maurer

Liebes Europa,

Ich wollte Dir gerade einen Brief schreiben. Darüber was mir an Dir gefällt. Und was ich mir für die Zukunft wünschen würde. Da ist mir aufgefallen, dass man zum Schreiben eine Schrift braucht. Und dass Schrift etwas ganz Besonderes ist.  Denn heute schreibe ich dies hier auf/mit meinem Computer. Aber das war ja bei weitem nicht immer so!

Wie war das denn genau? Hm, wie finde ich das nur heraus? Oh, ich könnte in ein Museum gehen!

Gesagt – getan! Nun stehe ich hier umgeben von Geschichte. Ein besonderes Gefühl.

Wie ging das also los? Mal nachschauen:

Eine der ersten Schriften war die Keilschrift. Sie wurde in Uruk in Mesoptanien erfunden. Später wurde sie dann von den Babyloniern übernommen. Und auch von anderen. Sie wurde mit einem Griffel in Lehm geritzt. Das war… Hm… wann war das noch mal?

Ich glaube, ich frage einfach mal den Griffel selbst, der kennt sich da aus.

Ich: „Hallo Griffel!“

Griffel: „Hallo!“

Ich: „Wann wurdest Du denn eigentlich verwendet?“

Griffel: „Von ca. 3000 v.Chr. bis ca. 100 n.Chr. Genau weiß ich die Jahreszahlen nicht mehr. Ich bin ja schon alt… Hach, das waren schöne Zeiten, als ich noch nicht von allen im Museum angestarrt wurde, sondern gebraucht wurde.“

Ich: „Was genau war die Keilschrift?“

Griffel: „Sie bestand zuerst aus kleinen Bildern, die das zeigten, was dargestellt werden sollte. Später bedeuteten die Bilder dann aber nicht mehr das, was sie darstellten. Das war kompliziert, vor allem für diejenigen, die die Keilschrift lernten. War auch für mich manchmal anstrengend, wenn die Schüler Quatsch geritzt haben. Und dieser Lehm! Bisweilen ganz schön matschig und eklig. Bis heute leide ich an einer Lehmphobie… Aber es war auch eine schöne Zeit!“

Ich: „Interessant! Danke für das Gespräch.“

Ich gehe mal weiter.

Wie man in diesem Museum sieht, gab es wirklich eine Menge verschiedener Schriften. Welche gab es denn noch?

Eine andere der frühesten Schriften war die Hieroglyphen-Schrift. Sie wurde in Ägypten ca. 3200 v.Chr. erfunden. Vielleicht aber auch früher. Da ist man sich nicht sicher. Aber aus dieser Zeit stammen die frühesten Funde. Die Hieroglyphen wurden bis ca. 394 n.Chr. verwendet. Sie wurden mit einem Schilfrohr in Papyrus eingeritzt oder mit Meißeln in Stein geschlagen.

Ich: „Hallo Schilfrohr!“

Schilfrohr: „Hallo!“

Ich: „Was sind eigentlich Hieroglyphen?“

Schilfrohr: „Zeichen, die jeweils einen Laut repräsentieren.“

Ich: „Interessant. Und wie stehst Du zu den Meißeln?“

Schilfrohr: „Ich mag sie nicht. Ihr Werk hat viel länger gehalten als meins. Deshalb geben sie die ganze Zeit an und ärgern mich.“

Ich: „Du tust mir leid. Ich mag Dich viel mehr als die Meißel!“

Schilfrohr: „Danke! Das freut mich.“

Ich: „Gerne. Ich gehe dann mal weiter, ok?“

Schilfrohr: „In Ordnung. Gehab Dich wohl!“

Ca. 150 v.Chr. wurde auf Kreta eine Schrift namens Linearschrift A verwendet. Sie wurde bis heute nicht vollkommen entschlüsselt.

Verstehe ich irgendwie…

Auf sie folgte die Linearschrift B, die vor allem von 1400 v.Chr. bis 1200 v.Chr. benutzt wurde.

Eine mit Linearschrift A verwandte Schrift, die kypro-minoische Schrift, ist ein Vorgänger von der kryptischen Schrift. Die kryptische Schrift wurde von ca. 1100 v.Chr. bis ca. 300 v.Chr. verwendet. Sie war eine Silbenschrift.

Eine phönizische Schrift wurde von 1100 v.Chr. bis 500 v.Chr. verwendet. Sie wurde in Stein gemeißelt.

Puh – das sind viele Schriften. Vielleicht spreche ich lieber mal wieder mit jemandem. Ah, da ist ein Meißel!

Ich: „Hallo Meißel!“

Meißel: „Hallo!“

Ich: „Wie war das denn damals?“

Meißel: „Es war echt schön verwendet zu werden. Aber es war anstrengend für die Menschen. Wenn sie einen Fehler machten, war alles ruiniert.“

Ich: „Das klingt wirklich sehr anstrengend. Woraus genau bestand denn die Schrift?“

Meißel: „Aus Konsonanten.“

Ich: „Interessant! Danke für das Gespräch!“

Die Nachfolgerschrift ist die griechische Schrift. Hier bin ich nun endlich auf der richtigen Spur, denn sie ist die Vorgängerin unserer Schrift. Sie wurde in Stein gemeißelt oder auf Papyrus geschrieben.

Oh, da ist ja ein Papyrus!

Ich: „Hallo Papyrus!“

Papyrus: „Hallo!“

Ich: “Woraus bestand denn die griechische Schrift?“

Papyrus: „Aus Zeichen die für die Laute stehen.“

Ich: „Sie sehen schon ein bisschen aus wie unsere Schrift. Von wann bis wann wurde sie verwendet?“

Papyrus: „Von ca. 800 v.Chr. bis jetzt. In Griechenland wird sie immer noch verwendet.“

Ich: „Danke für Deine genaue Antwort! Wie war es damals als man auf Dir geschrieben hat?“

Papyrus: „Es war schön! Obwohl es manchmal echt gekratzt hat…“

Ich: „Du wurdest ja auch von den Römern für die lateinisches Schrift verwendet! Diese wurde gegen 700 v.Chr. übernommen, oder?“

Papyrus: „Ja.“

Ich: „Was unterscheidet denn jetzt eigentlich die griechische und die römische Schrift?“

Papyrus: „Die Römer verwendeten kürzere Buchstabennamen. Zum Beispiel statt ‚Alpha‘ ein ‚A‘, statt ‚Beta‘ ein ‚Be‘ und so weiter.“

Ich: „Danke!“

Diese Schrift übernahmen wir dann in Europa von den Römern. Nur sogar noch kürzer. Karl der Große ordnete an, dass es kleine und große Buchstaben gibt. Diese Schrift hat sich natürlich bis heute verändert, die Grundlagen sind aber vergleichbar geblieben.

Früher gab es besonders ausgebildete Schreiber. Ansonsten konnten meistens nur die Adligen und Reichen lesen und schreiben.

Im Mittelalter ging man dazu über mit Federn zu schreiben. In Europa gab es zu dieser Zeit extra sogenannte Skriptorien in Klöstern. In diesen waren Mönche den ganzen Tag damit beschäftigt, Bücher abzuschreiben. Diese sahen oft sehr kunstvoll aus und waren reich verziert. Allerdings waren Bücher durch diese Art der Herstellung sehr teuer.

Ein besonderer Meilenstein in der Geschichte der Schrift und der Bücher war der Buchdruck. Hier wurde es zum ersten Mal mithilfe von auswechselbaren Lettern und Druckerpressen möglich, Schrift auf einfachere Art zu vervielfältigen. Erfunden hat dies in der Mitte des 15. Jahrhunderts Johannes Guttenberg. Das war eine echte Revolution!

Liebes Europa, nun bin ich wieder zu Hause. Mir schwirrt der Kopf von all den vielen Schriften und Schreibgeräten der Vergangenheit. Es waren so viele, ich konnte nicht mal alle in Ruhe ansehen.

Doch wie ist das eigentlich heute? Bei uns? Wir haben Füller, Bleistifte, Kugelschreiber, Filzstifte, Holzmalstifte und zu jeder Zeit ausreichend Papier zur Verfügung. Und den nächsten Schritt ist unsere Gesellschaft schon gegangen, denn viele von uns schreiben fast nur noch auf dem Smartphone oder dem Computer. Wir sehen und hören lieber zu, als selbst zu schreiben oder Bücher zu lesen.

Wird es dann in der Zukunft überhaupt noch eine Schrift geben? Brauchen wir sie noch?

Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, dass es weitergeht mit dem Lesen und Schreiben. Denn dadurch können wir uns ausdrücken. Es fördert unsere Fantasie und Kreativität. Hilft uns, uns zu erinnern und in die Zukunft zu planen. Wir brauchen die Schrift, um uns miteinander auszutauschen und uns zu verständigen. Und das, liebes Europa, ist doch gerade das Wichtigste. In Europa leben so viele verschiedene Menschen – wir brauchen eine gemeinsame Grundlage, eine Möglichkeit, uns zu verständigen. Nur dann werden wir es schaffen zusammenzustehen, Probleme zu lösen und gemeinsam eine gute Zukunft für alle zu schaffen. Und ich hoffe, dass es eine gute Zukunft wird für uns alle in Dir, liebes Europa!