Preisträgerinnenarbeit: Die geheimnisvollen Zeitreisen

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen des Europäischen Wettbewerbs 2021 und wurde mit einem Bundespreis und einem Sonderpreis der Kultusministerkonferenz ausgezeichnet.

von Lydia Weiss

Die geheimnisvollen Zeitreisen (Auszug)

An einem Freitagmorgen im Mai klingelte wie jeden Morgen Helens Wecker. Verschlafen rieb sie sich
die Augen und warf einen Blick auf ihren Wecker. „5.30 Uhr“, stöhnte Helen und ließ sich wieder in
ihr Kissen fallen. Der Wecker klingelte viel zu früh. Da sie nicht mehr einschlafen konnte, nahm sie ihr
Buch zur Hand und las noch ein bisschen, bis es Zeit war, sich für die Schule zu richten. Helen ging in
die fünfte Klasse und war zehn Jahre alt. Sie hatte eine großen Bruder und eine kleine Schwester.
Als sie am Morgen in er Schule saß, erklärte ihre Lehrerin: „Jeder von euch soll mit einem Partner
eine Präsentation über das Thema Schreiben halten.” An sich war das gar nicht so schlimm. Doch als
Frau Grün sagte: „Ich werde die Gruppen einteilen“, änderte sich Helens Laune schlagartig. Frau Grün
steckte nämlich immer ein Mädchen und einen Jungen zusammen. „Amelie arbeitet mit Jona, Rosa
mit Tom, Lena mit Aron, Melissa mit Finn, Tea mit Jona und Julia mit John“, verkündete Frau Grün.
Helen sollte mit Lukas zusammenarbeiten. Nach der Schule ging Helen missmutig nach Hause. Sie
wurde an der Haustür schon von ihrer kleinen Schwester Sarah empfangen, die ihr stolz ihr
Steckerperlenbild zeigte. „Toll“, murmelte Helen, wobei sie es eigentlich kaum ernst nahm. Während
des Mittagessens erzählte Helen von ihrem Tag in der Schule. „Naja“, meinte ihre Mutter, „es gibt
schlimmere Dinge. Wenn ihr jetzt zusammen die Präsentation haltet, müsst ihr euch mal treffen, um
sie vorzubereiten.“


„Unser Thema lautet: Wie schrieb man früher, wer konnte überhaupt schreiben und warum ist
Schreiben für die digitale Zukunft so wichtig. Mir fällt einfach nichts ein, wie wir dieses Thema
umsetzen können“, beklagte sich das Mädchen. „Vielleicht hat Lukas ja eine Idee“, meinte ihre
Mutter.


Am Nachmittag klingelte es an der Tür und Lukas kam zu Besuch. „Wir können ja mal alles
aufschreiben, was uns zu diesem Thema einfällt“, schlug Lukas vor. Gesagt getan. In Helens Zimmer
schrieben sie alles auf, was ihnen einfiel. „Aber wie soll uns das denn schon weiterbringen?“,
erkundigte sich Helen.


Ganz unerwartet und plötzlich zuckten die Kinder wegen einem hellen Lichtstrahl zusammen. Um sie
herum schwebten blaue Funken und gelbe und lila Ringe hüllten sie ein. Lukas hatte das Gefühl, er
würde träumen. Die beiden Kinder wurden vom Boden nach oben gezogen und schwebten in einen
blauen Kanal an dem an der Seite weiße Lichtringe leuchteten. „Was passiert hier?“, fragte sich
Lukas. Helen nahm Lukas´ Arm und die Kinder schwebten nebeneinander durch den Tunnel. Helen
zitterte am ganzen Körper. Auf einmal regnete es goldene Funken vom Himmel. So plötzlich wie sie
gekommen waren, verschwanden sie auch wieder. Dann wurden sie ganz plötzlich wieder von
weißem Licht umhüllt. Dieses Mal kamen keine Funken und Ringe. Zwei Sekunden später standen sie
auf einer Wiese hinter einem Baum. Helen sah an sich herunter und stellte fest, dass sie nicht mehr
ihren Pullover mit lila und gelben Streifen und ihre Jeans, sondern ein grob gewebtes braunes
Baumwollkleid anhatte. Außerdem trug sie Ledersandalen und nicht ihre Hausschuhe. Neben ihr
stand ein kleiner geflochtener Korb. Lukas war ebenfalls in ein graues Baumwollkleid und in
Ledersandalen gekleidet. Verwirrt blickten sich die beiden Kinder um. Drei Meter von ihnen entfernt,
konnte man ein Kornfeld erblicken. Hinter ihnen erstreckte sich ein großer Wald. „Hast Du eine
Vorstellung, wo wir sind und warum wir diese altmodischen Kleider tragen?“, stammelte Helen als sie
ihre Sprache wiedergefunden hatte. „Ich habe keine Ahnung, aber wir könnten in den Wald gehen
und schauen, ob wir jemanden treffen, den wir fragen können.“, schlug Lukas vor. „Außerdem
könnten wir auch noch nach Beeren suchen, damit wir etwas zu essen haben“, ergänzte Helen. Also
machten sich die beiden Kinder auf den Weg in den Wald. Helen nahm den Korb.


Nachdem sie eine Weile durch den Wald gegangen waren, fanden sie einen Brombeerstrauch von
dem sie ein paar Beeren pflückten und in ihren Korb legten. Nach einer Weile machten sie eine kurze
Rast bei einem Baum. „Lukas, wo sind wir eigentlich?“, fragte Helen erneut. Lukas überlegte eine
Weile und sagte dann nachdenklich: „Ich weiß es eigentlich nicht. Aber ich vermute mal, dass wir in
der Vergangenheit sind. Zumindest sehen die Kleider, die wir anhaben, so aus. Aber in welchem Jahr
genau wir sind, das weiß ich nicht.“ „Und was sollen wir jetzt machen?“, fragte Helen weiter. Lukas
dachte meistens voraus und meinte daher: „Falls wir die Nacht hier bleiben, könnten wir uns ein Tipi
bauen, in dem wir dann übernachten können.“ Helen war eiverstanden und gemeinsam suchten sie
Äste, Stöcke, Rinde und Moos und Laub zum Polstern. Mit diesen Materialien bauten sie das Tipi.
Gerade als sie fertig waren und Helen aus dem Tipi krabbelte, hörten die beiden Jungenstimmen.
Kurz darauf kam eine Gruppe von Jungen hinter einer Hecke hervor. Der größte Junge sagte höflich:
„Grüß Gott.“ Die anderen Jungen folgten seinem Beispiel. Helen fragte sich: „Wieso sagen die denn
alle „Grüß Gott“ und nicht „Hallo?“ Da fiel ihr ein, dass Lukas gesagt hatte, dass sie wahrscheinlich in
der Vergangenheit seien. Deshalb antwortete Helen auch: „ Grüß Gott.“ Eine Weile herrschte
beklommenes Schweigen. Schließlich fing der fremde Junge wieder das Gespräch an: „Ich bin Gustaf.
Wir kommen von der Klosterschule und suchen hier immer Pilze und Kräuter. Wer seid ihr denn
eigentlich und woher kommt ihr?“ „Also wir heißen Helen und Lukas“, begann Helen, „wir kommen
aus Sindelfingen und wir wollten Beeren sammeln.“


Die Klosterschüler schauten sie verwundert an und fragten: „Wo ist denn Sindelfingen? „Sindelfingen
liegt im Landkreis Böblingen in Baden-Württemberg in Deutschland“, erklärte Lukas. Dann plötzlich
erinnerte er sich an ihr Referat. „Was ist denn eine Klosterschule?“, fragte Lukas und zwinkerte Helen
zu. „Wisst ihr denn nicht was eine Klosterschule ist?“ fragten die Jungen verdutzt und schauten jetzt
noch verwirrter als davor und fragten sich: “Was ist denn mit den beiden Kindern los?“ Helen schielte
zu Lukas. Was sollten sie tun? Auf jeden Fall mussten sie diese Chance ergreifen: „Wieso geht ihr
nicht in eine normale Schule?“, erkundigte sich Helen, „was macht man in einer Klosterschule? Was
ist an einer Klosterschule so besonders? Wird man in einer Klosterschule von Mönchen
unterrichtet?“ „Eine Klosterschule ist eine ganz normale Schule“, kam prompt die Antwort von
Gustaf. „Es gibt gar keine andern Schulen. Welche sollte es auch geben? In unserer Schule lernt man
Lesen, Rechnen, Schreiben, Latein, Singen und die Bibel auswendig. Wenn man mit der Klosterschule
fertig ist, wird man Mönch und man wird auch von Mönchen unterrichtet.“


Lukas dachte eine Weile nach und meinte darauf: „Du hast ja gefragt, welche Schulen es sonst noch
gibt. Es gibt Gymnasien, Realschulen Gemeinschaftsschulen und Grundschulen. Aber wieso werdet
ihr Mönch nach der Schule und nicht irgendetwas anderes? Wer geht eigentlich alles in eine
Klosterschule?“ Gustaf schaute ihn sehr verwundert an, antwortete dann aber freundlich: „Man kann
nach der Zeit in der Klosterschule Schreiber am Königshof werden oder einfach einen anderen Beruf
ausüben, bei dem man lesen und schreiben können muss, wenn man nicht Mönch wird.“ „ In die
Klosterschule gehen Kinder von armen adeligen Familien. Ich bin zum Beispiel das neunte Kind und
da meine Eltern nicht so viel Land haben, sind meine drei älteren Brüder und ich ins Kloster
gekommen. Mein ältester Bruder lebt noch bei meinen Eltern. Allerdings gehen in die Klosterschule
keine Bauernkinder, selbst die meisten Adeligen können nicht schreiben. Sie denken sie müssen nicht
schreiben können, denn es gibt ja die Mönche“, ergänzte ein kleiner Klosterschüler.


„Und was ist mit deinen Schwestern?“, fragte Helen. „Meine Schwestern sind schon verheiratet,
genauso wie du es bald bist“, war die freundliche Antwort. Helen schaute ihn sehr verdutzt an,
dachte kurz nach und wechselte dann das Thema: „Was ist eigentlich die Aufgabe eines Mönchs?“
Kopfschüttelnd erläuterte der Junge: „Ein Mönch schreibt die Bibel mit Feder und Tinte ab, arbeitet
auf dem Feld oder hilft kranken Menschen. In einem Kloster gibt es viele Aufgaben, es muss ja auch
einer kochen oder die Klosterschüler unterrichten.“ „Ich verstehe nicht, wieso man die Bibel nicht
einfach an einem Computer schreibt, und mit einem Drucker druckt“, murmelte Helen vor sich hin.
„Was um alles in der Welt ist ein Computer und ein Drucker?“, fragte ein Klosterschüler verwirrt. Da
fiel Helen auf einmal wieder ein, dass sie ja wahrscheinlich in der Vergangenheit waren und
deswegen sagte sie nur: „Ach, ist nicht so wichtig.“ Gustaf schaute den Stand der Sonne an und
meinte dann höflich: „Ich glaube wir müssen jetzt weiter gehen, sonst finden wir keine Pilze mehr,
bevor die Sonne untergeht.“ Die Kinder verabschiedeten sich voneinander und die Klosterschüler
gingen kopfschüttelnd weiter.


„Jetzt wissen wir alles, was wir für unser Referat wissen müssen“, freute sich Helen. In diesem
Moment wurden sie von einem hellen Lichtstrahl umgeben. Blaue Funken schwebten um sie herum
und gelbe und lila Ringe hüllten sie ein. Lukas und Helen schwebte wieder durch den Lichttunnel.
Nach etwa fünf Minuten regnete es hellblaue Funken vom Himmel und um die Kinder herum
schwebten dunkelblaue Ringe. Keine zwei Sekunden später waren die Kinder wieder in Helens
Zimmer.


Einen Augenblick lang herrschte Schweigen in Helens Zimmer. Helen war in Gedanken noch bei der
Zeitreise und meinte nachdenklich: “Wie kamen wir eigentlich in die Vergangenheit? Wie lange
waren wir weg? Hoffentlich hat mein Mutter nichts bemerkt.“


„Also kurz bevor wir in die Vergangenheit gereist sind, war es genau 15.04 Uhr“, erinnerte sich Lukas.
„Wir waren sicherlich drei Stunden weg. Ich meine, wir haben ja auch noch das Tipi gebaut. Jetzt ist
es aber erst 15.07 Uhr! Ich glaube da ist irgendetwas mit der Zeit anders. Ich kann mir das aber auch
nicht erklären. Aber das war echt eine interessante Zeitreise. Jetzt wüsste ich nur noch gerne in
welchem Jahr wir waren“, meinte er. „Wir könnten am Computer nachschauen, wann es
Klosterschulen gab und wann die Leute nach der Schule Mönch werden mussten. Dann wissen wir, in
welcher Zeit wir waren“, schlug Helen vor.


Nachdem die beiden Kinder eine Zeit lang gesucht hatten, fanden sie, was sie brauchten. So kamen
die beiden zu dem Entschluss, dass sie auf jeden Fall in einem Jahr im Mittelalter vor der Reformation
gewesen waren. Lukas sah Helen nachdenklich an und sagte dann: „Wir haben es echt gut, dass wir
in die Schule gehen dürfen.“ „Jetzt können wir eigentlich gleich loslegen mit unserer Präsentation,
denn wir wissen ja jetzt alles was wir wissen müssen. Außerdem könnten wir noch ein Plakat
basteln“, unterbrach Helen seine Gedanken. „Da wir jetzt so viel wissen können wir dann eigentlich
jede Frage beantworten.“
„Ich habe aber schon Mal gehört, dass nach der Reformation alles anders war“, wandte Lukas ein.
„Ich meine mit dem Schreiben und den Schulen. Meine Mutter hat gesagt, dass Martin Luther die
Schulpflicht eingeführt hat. Als die Schulpflicht eingeführt wurde, sind ganz sicher nicht nur die
Adeligen in die Schule gegangen. Außerdem denke ich, dass Frau Grün sicherlich hören will, wie das
mit dem Schreiben nach der Reformation war. Dazu kommt auch noch, dass um diese Zeit der
Buchdruck erfunden wurde. Mit dem Buchdruck mussten die Mönche nicht mehr die Bücher von
Hand abschreiben und somit waren die Bücher nicht mehr so schwer herzustellen und damit auch
nicht so besonders, weil man sie nicht mehr von Hand abschreiben musste. Wenn die Bücher nicht
mehr so teuer waren, konnten sich auch ärmere Leute ein Buch leisten. Vor der Reformation hatten
viele Leute gar kein Buch. Wenn man kein Buch hat, kann man ja auch gar nicht üben oder lesen. Die
Leute damals haben sich wohl gedacht, dass normale Leute nicht lesen und schreiben können
müssen. Die Bauernkinder hatten auch gar keine Zeit in die Schule zu gehen, weil sie auf dem Hof
mithelfen mussten“, erkläre Lukas. „Aber woher sollen wir wissen, wie das mit dem Schreiben nach
der Reformation war?“ frage Helen. „Ich weiß es nicht“, entgegnete Lukas. Helen saß immer noch auf
ihrem Schreibtischstuhl und blickte aus dem Fenster.


„Was wir machen können ist, dass wir im Internet mal schauen, ob wir etwas Sinnvolles finden“,
meinte Lukas. Helen antwortete nicht gerade begeistert: „Ich würde das nicht machen. Ich musste
nämlich mal eine Präsentation über Kinder im Mittelalter halten und habe im Internet einfach nichts
gefunden. Zum Glück gab es noch ein Buch über mein Thema in der Bücherei.“ „Das ist die Idee, wir
leihen uns ein Buch in der Bücherei aus“, freute sich Lukas.


Beide machten sich gleich auf den Weg in die Bücherei, die nur zwei Straßen weiter von Helens Haus
lag. Nach einer halben Stunde saßen die Kinder in Helens Zimmer und blätterten die Bücher durch,
die sie ausgeliehen hatten. „Hier ist alles so ungenau beschrieben“, stöhnte Helen, „man findet
eigentlich gar keine neuen Informationen.“


Genau in diesem Augenblick wurden sie wieder von weißem Licht umgeben und nach oben gezogen.
„Reisen wir wieder in die Vergangenheit?“, fragte sich Lukas. Helen hatte furchtbare Angst. Sie
wunderte sich, wieso sie beim vorigen Mal nicht so große Angst gehabt hatte. Gedanken stiegen in
ihr auf: „Wo kommen wir hin? Was ist, wenn wir nicht wieder nach Hause zurückkehren?“ Wieder
schwebten sie durch den Tunnel, durch den sie auch schon bei der letzten Reise geschwebt waren.
Helen wäre am liebsten wieder zurückgekehrt. Sie zuckte zusammen, als sie durch einen Regen aus
hellblauen Funken schwebten. Als die Kinder wieder aus dem Funkenregen waren, hatte Helen ein
weißes knöchellanges und langärmliges schlichtes weißes Kleid an. Darüber trug sie ein gelbes Kleid,
das etwas kürzer war und keine Ärmel hatte und um die Hüfte mit einem Ledergürtel befestigt war.
Lukas hatte ein weites hellbraunes Oberteil an und eine dunkelbraune Pluderhose. Ganz plötzlich
kam ein weißer Lichtstrahl aus der Decke des Tunnels und umgab die Kinder…….