Ein Leseerlebnis durch Raum und Zeit – Der Vorleser von Bernard Schlink

von WonderWoman

Analphabetismus. Schon einmal davon gehört? Ein viel zu komplizierter Name für ein Phänomen, das öfter vorkommt als man denkt: Das Defizit, nicht lesen und schreiben zu können. Der Analphabetismus ist eines der Hauptthemen des Romans „Der Vorleser“, erschienen 1995 von Bernhard Schlink.

Der Roman handelt vom fünfzehnjährigen Michael Berg, der die um einiges ältere Hanna Schmitz trifft und eine rechtlich verbotene, sexuelle Beziehung mit ihr führt. Dabei wird das gemeinsame Duschen, Schlafen und Michaels Vorlesen zu ihrer Routine. Hanna wirkt verwirrend und undurchschaubar auf den Leser, vor allem, als sie eines Tages spurlos verschwindet. Der Kontakt der Protagonisten bricht somit ab, so lange, bis sie sich als je Jura-Student und Angeklagte als KZ- Wächterin im Gericht wieder treffen. In der Verhandlung wird es Hanna zum Verhängnis, Analphabetin zu sein, während Michael mit seinen eigenen rechtlichen Gedanken und romantischen Gefühlen Hanna gegenüber zu kämpfen hat.

„Der Vorleser“ behandelt verschiedene Arten der Schuld, wie Kollektiv- und Einzelschuld, aber auch die Schwierigkeit von Vergangenheitsbewältigung und den Zwiespalt des Menschen zwischen Emotionen und Verstand.

Man erlebt den ganzen Fortverlauf der Handlung durch die Ich- Perspektive Michaels hautnah mit. Dabei werden tiefe Einblicke in sein persönliches Leben und seine Gedanken, Gefühle und Wünsche geliefert. Man begegnet Michael in den drei aufgeteilten Teilen des Romans mit verschiedenem Alter und Bildungsstand. Dadurch erlebt man seine Charakterentwicklung, vor allem durch seinen Sprachstil, beim Lesen authentisch mit und kann sich mit Michael, egal welcher Altersgruppe man angehört, identifizieren.

Des Weiteren benutzt Michael überwiegend klare und knappe Sätze, die dann erst mit zunehmendem Altern an Komplexität gewinnen. Im ersten Teil sind rhetorische Fragen an seiner Sprachgestaltung sehr häufig, im zweiten kommen juristische Fachbegriffe, die er wahrscheinlich in seinem Studium erlernt hat, dazu und im dritten Teil arbeitet er größtenteils mit eingebundenen Nebensätzen, Aufzählungen und Stilfiguren.

Durch die Ich-Perspektive erzählt er subjektiv und mag deswegen Sachverhalte anders darstellen, als sie einem Außenstehenden erscheinen würden.

Einen großen Teil meines Interesses hat die Aufdeckung Hannas Geheimnisses geweckt, das sich als ihre Vergangenheit als KZ-Wächterin und ihrem Leiden an Analphabetismus erwiesen hat. Durch Michaels Perspektive wirkt Hanna sehr verwirrend auf den Leser, eine Figur, aus der man einfach nicht schlau werden kann und die man mit besten Willen nicht versteht.

Mal ist sie zärtlich, mal kalt. An einem Tag herrisch, am nächsten zerbrechlich. Das Zusammentreffen im Gericht der Protagonisten und dass Michael Hannas Geheimnis lüftet, verschafft Hannas Figur eine gewisse Tiefe, die mir anfangs im ersten Teil sehr gefehlt hatte. Aus der einstigen Skizze Hannas Figur wurde ein Bild gemalt, welches mich immer mehr in seinen Bann zog. Während des Lesens verspürte ich den Wunsch, mehr über Analphabeten aber auch über Verhandlungen von Straftätern aus dem Dritten Reich zu erfahren. Gleichzeitig wird ein immer tiefgründigerer Einblick in Michaels Gedankenwelt geschaffen, während sein älteres Ich, wie ein Richter selbst, die damaligen Situation kritisch betrachtet und Stellung dazu nimmt.

Ferner ist der Roman auch im historischen Sinne sehr ausgeklügelt konstruiert. Der Altersunterschied zwischen den Protagonisten soll der Repräsentation verschiedener Generationen, die vom Nationalsozialismus betroffen waren oder noch heute damit konfrontiert werden, dienen. Die Generation Michaels Eltern, aber auch Hannas, sind die der Miterlebenden, die im Dritten Reich gelebt hatten. Diese Generation hat sowohl seine Täter, wie Hanna, als auch Außenstehenden, wie Michaels Eltern. Michael selbst und seine Mitschüler gleichen Alters sind dabei die Generation der Kinder, die durch Zeitzeugen auch noch in ihrem Alltag betroffen von der Vergangenheit sind, so wie Michael durch die Gerichtsverhandlungen, an denen er teilnimmt. Als letzte Generation kann man die der Leser ansehen. Von der vergangenen Zeit her wären wir nun die Enkel, die nun alles aus der Vergangenheit durch Quellen und Medien erfahren können. Ich finde es deshalb sehr interessant, durch diesen Roman in die Rolle einer anderen Generation schlüpfen zu können und sich über die Frage von Schuld und Vergangenheitsbewältigung in einer identifizierbaren Darstellungsweise Gedanken machen zu können.

Ich bin davon überzeugt, dass man aus diesem Roman einiges für das persönliche Leben mitnehmen kann. Ich selbst habe durch dieses Buch gemerkt, mit wie vielen nicht voraussehbaren Dingen Menschen zurechtkommen müssen, und wir trotzdem voreingenommen auf andere Menschen zugehen. Am Anfang des Romans war mir Hanna völlig unsympathisch, obwohl ich nicht einmal versucht hatte zu verstehen, was ihr Grund für ihr Handeln sein könnte. Ich habe erfahren, dass Menschen Probleme haben können, die mir noch nie wirklich präsent waren, wie Hannas Defizit zum Beispiel, aber auch ihre Lage im Gericht, in der sie sich nicht gegenüber der anderen KZ- Wächterinnen verteidigen und behaupten konnte und deshalb einer Beschuldigung zu Opfer ging.

Zwar konnte mich der romantische Aspekt des Romans nicht gerade packen, da mich der Altersunterschied zwischen den Protagonisten vor allem im ersten Teil gestört hat, doch erkenne ich dessen Notwendigkeit für die Handlung, weshalb ich dies als keinen allzu großen Kritikpunkt erachte.

Abschließend kann ich zu der Meinung stehen, dass „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink ein lesenswertes Buch für Leser ist, die sich mit Romanen mit philosophischen Gedanken auseinandersetzen wollen. Ich denke, dass das Buch am geeignetsten für Erwachsene ist, da diese die drei Lebensphasen Michaels schon durchlebt haben werden und sich deshalb am besten mit ihm und seinen Gedanken identifizieren können.

„Der Vorleser“ ist ein aufschlussreiches Leseerlebnis, das viele verschiedene Themengebiete authentisch aufgreift und deshalb meines Erachtens nach sehr empfehlenswert ist!

 

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