Was war heute in deinem Adventskalender? Oder: Weihnachten bei Muslimen

Was war heute in deinem keinem Adventskalender?

von WonderWoman

Endlich sind Weihnachtsferien und wir alle wissen, was das für uns bedeutet: Auszeit von der Schule, langes Aufbleiben und dementsprechend spät aufzustehen und – wenn es mal wieder ordentlich anfängt zu schneien – ab auf die Skipiste.

Aber eines darf man natürlich nicht vergessen: Weihnachten steht vor der Tür! Da braucht man nur einen Tag nach Halloween in einen Supermarkt gehen und schon stehen die Schokoladennikoläuse und Christstollen neben den unverkauften, fast schon traurig wirkenden Vampirkostümen.

Weihnachten ist eine besinnliche Zeit, die man im engen Kreise verbringt, sich beschenkt und einfach gutgehen lässt. Jeder mag Weihnachten, ja, sogar so jemand wie ich, die noch nie Weihnachten gefeiert hat.

Ich bin Muslimin und bekanntlich feiert man im Islam kein Weihnachten, sondern hat andere wichtige Feste wie zum Beispiel das Zuckerfest oder das Opferfest. Trotz dieser Tatsache wird man jedes Jahr aufs Neue doch in den ganzen Weihnachtstrubel mit einbezogen, wenn man in einem christlichen Land wie Deutschland lebt.

Mein persönlicher Ablauf sieht natürlich etwas anders als bei Christen, die Weihnachten feiern.

 

Phase 1- Jetzt fängt’s wieder an

Es ist der erste Dezember, und im Gegensatz zu den restlichen Mitschülern erkennt man dies nicht daran, dass man heute das erste Türchen des Adventskalenders öffnen durfte, sondern weil man sich wieder einmal am Datum wie jeden Monat verschrieben hat.

Schon führt man ein normales Gespräch mit dem Sitznachbarn, taucht die unausweichliche Frage auf: „Was kam heute aus deinem Adventskalender raus?“

Ganz ehrlich? Mal ganz davon abgesehen, dass meine Mitschüler jedes Jahr vergessen, dass ich keinen Adventskalender besitze: Gibt es nicht irgendein Grenzalter für Adventskalender?

Nun ja, man verzieht wie üblich das Gesicht, genauso, wie wenn man jedes Mal gefragt wird, wieso man doch die Pizza Margherita statt der Pizza Salami genommen habe, obwohl jene doch viel besser schmecke.

Zum Glück merken meine Mitschüler dann relativ schnell, was sie bei ihrer Frage nicht bedacht haben, die ganz besonders Netten geben einem manchmal sogar von ihrer Adventsschokolade etwas ab.

Es ist natürlich nicht so, dass ich noch nie einen Adventskalender besessen habe. Vor allem als ich kleiner war, habe ich mich irgendwie ungerecht behandelt gefühlt, weshalb ich meist einen Schokoladenkalender von meinen Eltern geschenkt bekam. Letztendlich war mir die Schokolade aber doch wichtiger als der Sinn dahinter, weshalb der Kalender meist schon nach zwei Tagen leer gegessen war.

 

Phase 2 – All diese Lichter… Farben… und Süßigkeiten!

Was ich an Weihnachten wirklich gerne mag ist das Feeling, das einem vermittelt wird. Alle Läden werden plötzlich so hübsch, abgestimmt auf Weihnachtsfarben; Lichterketten hängen an den ersten Türrahmen und sogar Puppen, verkleidet als Weihnachtsmänner, klettern an so manchem Abflussrohr hoch.

Abgesehen vom Dekorieren, fällt plötzlich allen Familien ein, wie viel ungesundes Zeug man doch backen könne: So gibt es bei all meinen Freunden, die ich besuche, haufenweise Plätzchen, Lebkuchen, Spekulatius, Zimtsterne und was das Herz sonst noch so begehrt.

Und egal ob man nun Weihnachten letztendlich feiert oder nicht: Um  das ganze Gebäck kommt niemand herum! So wird in sekundenschnelle gegessen, wieder gebacken, wieder gegessen und es hört nicht mal bei meinen Freunden auf: Meine Mutter, leidenschaftliche Hobbybäckerin, fängt auch noch mit dem Backen an und mein Vater, von Beruf Bäcker, bringt immer mal wieder etwas von der Arbeit mit…

Wie soll man denn diese Zeit überstehen, ohne mindestens zwei Kilo an Gewicht zuzunehmen?

Das kalte Wetter draußen treibt dazu den Hunger auch nur mit noch mehr an…

 

Mit Weihnachten habe ich persönlich schon immer einfallsreiche Dekoration verbunden und mich auch immer im Voraus schon gefreut, all die Häuser im Dunkeln wieder leuchten zu sehen.

Im Gegensatz dazu bleibt unsere Wohnung aber wie jedes Jahr verschont von jeglicher weihnachtlichen Dekoration. Nirgends kann man auch nur ein paar Sterne oder rote Farbe auffinden, ganz zu schweigen von einem Weihnachtsbaum.

Bis vor kurzem wusste ich nicht einmal, wie viel Weihnachtsbäume kosten und der einzige, den ich täglich zu sehen bekomme, ist der in unserer Schule. Bei uns zuhause ist Weihnachtsdeko ein absolutes Tabu, während es aber auch viele muslimische Familien gibt, die das komplett im Gegenteil sehen und zum Anlass auch einen Tannenbaum aufstellen.

Im Gegenzug dazu ist es in der Türkei jedoch so, dass genau solche Dekorationen wie hier zu Weihnachten dort als Neujahrsdekoration verwendet werden. So ziehen in den meisten Filmen und Serien die Menschen an Silvester rote Nikolausmützen auf und es liegen lauter Geschenke unter einem geschmückten Tannenbaum. Ich kann dies zwar nicht unbedingt mit Sicherheit beurteilen, doch denke ich nicht, dass diese Szenen besonders der Realität in der Mehrheit entsprechen.

Trotzdem finde ich, ist es etwas Schönes, dass diese Ästhetik in irgendeiner Art und Weise auch in anderen Kulturen aufgegriffen wird.

 

Phase 3 – Jetzt werden alle gestresst, halleluja

Der Titel sagt eigentlich schon alles, diese Zwischenzeit ist wahrscheinlich die schlimmste an dem ganzen Weihnachtsgeschehen.

Als wäre der Schulstress vor den Weihnachtsferien nicht schon genug, fangen alle an, einen damit zu nerven, dass sie ja nicht wissen, was sie ihrer Großtante oder Cousine zweiten Grades schenken sollen. Ich muss sagen, egal, wie kreativ ich normalerweise im Verschenken bin, diese Frage überfordert mich jedes Mal, wenn ich sie auch nur höre.

Mal ganz abgesehen davon, was man seiner Großtante schenken soll, fiel es mir schon immer schwer, ein „angebrachtes Weihnachtsgeschenk “ wirklich einzugrenzen. Die einen bekommen einen nigelnagelneuen Laptop geschenkt, während sich andere mit den selbst gestrickten Socken der Oma zufriedengeben müssen. Was ist also hier richtig? Und müssen die Geschenke nicht etwas Passendes zum Anlass, etwas Christliches an sich haben?

Bei unseren „Bayrams“, also Festen, ist das Beschenken heutzutage in der Moderne irgendwie von selbst geregelt worden: Meist werden nur die Kinder beschenkt und auch nicht mit richtigen Geschenken. Man bekommt Geld, die Menge hängt dann davon ab, ob die Person ein naher Verwandter oder eher entfernter Bekannter ist.

Ich muss also sagen, egal wie viel Stress es sein mag, ich mag es wahrscheinlich doch lieber, wenn wie bei Weihnachten zum einen wirklich jeder beschenkt wir, aber auch, dass sich jeder wirkliche Gedanken machen muss, was er der Person schenken will.

Dafür habe ich ja dann wohl noch das Wichteln, man mag ja denken, dass wäre doch der beste Anlass für mich, meiner Kreativität freien Lauf zu überlassen… Aber nein. Wichteln ist wirklich anstrengend!

Ob nun in der Schulklasse oder im Sportverein, was soll man denn zum Beispiel einer Person schenken, mit der man vielleicht höchstens einmal pro Woche redet? Der Klischeelösung mit „Kauf eine Tasse und wirf ein paar Süßigkeiten rein“ möchte ich meistens um ehrlich zu sein auch nicht nachgehen, aber was ist denn außer Süßigkeiten sonst noch angebracht?

Klar, dann ist es manchmal so, man hat ein super tolles Geschenk gefunden, hat es sogar liebevoll eingepackt und freut sich schon auf die Reaktion des Beschenkten, doch was passiert dann? Man selber bekommt eine – nicht einmal eingepackte! –  Tasse mit „Frohe Weihnachten“ drauf. Hat sich die Person wirklich gar keine Gedanken gemacht?

Wahrscheinlich ist es doch gut, dass ich von diesem ganzen Beschenken größtenteils ausgeschlossen bin. Meinen engen Freunden schenke ich meistens noch etwas Kleines, aber dabei bleibt es dann auch.

 

Phase 4 – Jetzt sind Ferien! Und auch Weihnachten… wann denn eigentlich?

Die letzte Schulwoche wurde nun, begleitet von ganz vielen Spielen, Filmen und Essen im Unterricht, bestanden und für mich bedeutet das nun nur eines: Ferien, in denen ich ausschlafen kann, mehr Zeit für meine Hobbys und andere Aktivitäten haben werde und es mir einfach gutgehen lasse.

Weihnachten steht also nicht einmal in geringster Weise auf meinem Terminplan. Für mich vergehen die Feiertage wie jeder andere Ferientag, nur dass alles ziemlich still in diesen drei Tagen zugeht.

Es fühlt sich fast schon so an, als würden der ganze Stress und die Hektik verfliegen und als verweilen alle friedlich und glücklich bei ihren Familien und Freunden.

Oft schreibe ich meinen Freunden eine „Frohe Weihnachten“ Nachricht, doch damit ist die Grenze meiner Festlichkeit erreicht. Geschenke gibt es nicht, das Einzige, worüber wir uns als Familie freuen, sind die schönen Filme, die zu den Weihnachtsfeiertagen ausgestrahlt werden. Und vielleicht noch die übrigen Plätzchen von vor zwei Wochen…

Man kann also unschwer erkennen, dass für mich die Weihnachtszeit ganz anders als für die meisten meiner Mitschüler verläuft. Ich bleibe von Aufruhr und Stress verschont, doch dementsprechend auch von den Geschenken und der Festlichkeit.

Trotzdem empfinde ich es jedes Jahr als interessante Erfahrung, doch irgendwie ein Teil dieses Festes zu sein, das rund um die Welt für so viel Aufregung sorgt.

Somit möchte ich allen Feiernden ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest wünschen und allen anderen eine erholsame Zeit und schöne Ferientage!

 

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