Alles Wutwähler?

Alles Wutwähler?

von Joker & Quicksilver

Warum sind die Wahlen so ausgegangen, wie sie ausgegangen sind? Diese Frage stellen sich wahrscheinlich viele Bürger dieses Landes. Warum eine gewisse rechtspopulistische Partei so viele Prozente in der Bundestagswahl erhalten hat, bleibt vielen ein Rätsel. Um das Wahlverhalten von Menschen zu erklären, wurden über die Zeit mehrere Wählermodelle entworfen, die helfen können, Licht ins Dunkel zu bringen.

Das erste ist das Modell des ‚rationalen Wählers‘. Dieser rationale Wähler ist quasi der optimale Bestandteil der Demokratie: er wählt Parteien, die sein Interesse am besten vertreten und kennt im besten Falle das ganze oder immerhin fast das ganze Wahlprogramm der Partei, die er anstrebt zu wählen, damit es nach Ende der Wahl keine bösen Überraschungen gibt.

Ein Teil dieses Modells ist das sogenannte ‚issue-voting‘. Dieser Begriff beschreibt das Wählen nach aktuellen politischen Streitpunkten. Der rationale Wähler entscheidet sich hier für die Partei, von der er glaubt, dass sie nach seinem Vorteil handeln würde. Jedoch gibt es bei diesem Modell einige Problempunkte: es beachtet nicht die inneren Vorgänge und Einflüsse eines realistischen Wählers. Dieser wird durch Emotionen beeinflusst oder entwickelt Sympathie für einen bestimmten Kandidaten. Dies interferiert mit dem optimalen rationalen Wähler, jedoch existieren auch solche rationalen Wähler, sind aber eher selten anzutreffen.

Ein zweites Modell nimmt die sozialen Milieus näher in den Blick. Das Modell konzentriert sich auf die Einstellung sowie auch die äußeren Einflüsse einer Person. Bekannt wurde es durch eine Studie des Sinus-Institutes. Diese war ursprünglich eine Studie zum Konsumverhalten von Bürgern, wurde aber später auf das Wahlverhalten übertragen und entsprechend angepasst. Sie betrachtet Faktoren wie die soziale und finanzielle Lage sowie die Grundorientierung und die Werte eines Wählers. So spielt es zum Beispiel eine Rolle, ob ein Wähler eher traditionell oder in die Zukunft blickend denkt und zu welcher sozialen Schicht er gehört. Der Wahlkampf und andere zusätzliche Einflüsse auf einen rationalen Wähler werden jedoch ignoriert, obwohl sie gleichsam den Wähler beeinflussen.

Das dritte und letzte Wählermodell ist der individualpsychologische Erklärungsansatz. Dieser ist das komplexeste Modell, denn es versucht, jeden erdenklichen Einflussfaktor zu beachten. Als oberste Einflüsse sieht es das soziale Umfeld, also Familie, Freunde oder Vereine. Hinzu kommt der soziale Status, zum Beispiel der Beruf, in dem man tätig ist und die soziologischen Merkmale, wie die ethnische Zugehörigkeit der Person. Aus diesen Faktoren bildet sich die Parteiidentifikation. Das bereits erwähnte ‚issue-voting‘ spielt auch hier eine Rolle als weiterer großer Einflussfaktor. Als letzter größerer Faktor zählt die Beurteilung der Kandidaten, also Sympathie. Diese drei Oberfaktoren Parteiidentifikation, Beurteilung und ‚issue-voting‘ führen schlussendlich zur Wahlentscheidung.

Wie jedoch kam es zu den Wahlentscheidungen in der Bundestagswahl 2017? Natürlich können hier nur grobe Vermutungen aufgestellt werden, doch lässt sich ein Teil der Entscheidungen durchaus plausibel erklären. Die Union hat natürlich dieses Jahr wieder die relative Mehrheit der Wählerstimmen erhalten, diese sind aber im Vergleich zum letzten Jahr eindeutig gesunken. Dies lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass sie dieses Jahr wohl zu wenig Entschlossenheit zu aktuellen politischen Themen gezeigt haben. Damit haben sie Wähler an zielgerichtete Parteien verloren. Der Zuwachs bei der AfD ist damit direkt verbunden, da viele  sehr konservativ denkende Menschen, die vielleicht eher eine radikale Ansicht zur Flüchtlingsfrage haben und diese auch das wichtigste Thema für sie angesichts der Politik ist, diese gewählt haben.

Ebenfalls wurden viele Stimmen durch die große Medienpräsenz und Aufmerksamkeitsökonomie gewonnen. Die AfD ist schlussendlich unter anderem eine Frustwählerpartei. Auch begeisterte Rechtspopulisten wurden mobilisiert und stark zur Wahl motiviert, um „ihr“ Deutschland wieder „großartig“ zu machen.

Martin Schulz und seine SPD waren dieses Jahr zwar auch motiviert die Wahl zu gewinnen, doch haben ebenfalls in Sachen ‚issue-voting‘ eindeutig verloren. Sie haben übliche Themen wie Bildung angesprochen, ließen dabei aber vielleicht Themen wie die Flüchtlingspolitik zu stark in den Hintergrund rücken. Damit verlor die Partei stark an Aufmerksamkeit und somit auch an Wählern.

Währenddessen hat die FDP ihren Kandidaten Christian Lindner zu ihrem Vorteil genutzt. Der gesamte Wahlkampf der FDP war generell sehr Lindner-zentriert. Ob das nun eher besser oder schlechter war, sei mal dahin gestellt. Er weckte durch Medienpräsenz und dank seiner lockeren, bodenständigen Art die Sympathie in so manchen Leuten und überzeugte damit viele Wähler von seiner Partei.

Grüne und Linke blieben beide relativ konstant und können in den Bundestag einziehen. Die Linke erlebte sogar einen Zuwachs von 0,6% und die Grünen hatten rund 1% Verlust. Beide Parteien verloren Stimmen an die jeweils andere Partei. Doch kam der größte Zuwachs zur Linken nicht einmal von den Grünen – die meisten neuen Wähler der Linken waren 2013 noch SPD-Wähler. Hier liegt jedoch wahrscheinlich eine Frustwahl vor. Ja, diese gibt es wahrscheinlich auch im linken Bereich des politischen Spektrums.

Was jedoch sehr interessant ist, ist die Wählerwanderung der Linken: Der größte Verlust der Linken ging an die AfD mit 400.000 früheren Linken-Wählern, die nun die AfD wählten. Wie kann erklärt werden, dass die Linke eine massive Portion ihrer Wähler an ihre gegensätzlichste Partei verloren hat?

Vermutlich sind das größtenteils Wut-/Protest- oder Enttäuschungswähler. Denn die AfD ist sehr populistisch. Sie sagt, was ihr an der momentanen Politik nicht gefällt, bietet jedoch wenige realisierbare und tolerante Lösungsvorschläge. Damit visiert sie natürlich eine besondere Gruppe Wähler an: Menschen, die mit der momentanen Politik von „da oben“ genau so unzufrieden sind, wie die AfD selbst. Und anscheinend ist auch diese Strategie eine ziemlich gewinnbringende. Denn wie wir alle bereits wissen, zog die AfD dieses Jahr zum ersten Mal in den deutschen Bundestag ein – und das mit fast 13%.

Die Demokratie, mag sie auch nicht perfekt sein, hängt vom Wähler ab. Schlussendlich ist jeder Wähler und auch dessen Vertreter verschieden und nur dadurch funktioniert Demokratie: Die Meinung der Bürger soll bestmöglich repräsentiert werden. Natürlich wäre eine Wahl, die bloß aus rationalen Wählern, die das ganze Programm der gewählten Partei kennen und diese Meinung auch konsequent vertreten der zu erhoffende Idealfall. Doch Menschen sind beeinflussbar von Dingen wie Populismus oder wählen nur, obwohl sie vielleicht nur ein Problem oder einen Themenbereich beachten.

Trotzdem sollte jeder, der etwas ändern möchte, wählen gehen, sobald er es kann. Denn gibt man seine Meinung zu etwas nicht ab, überlässt man anderen die Entscheidungsmacht.

 

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