Das Korea-Phänomen

von MK

Es ist eine unscheinbare Halbinsel, dieses östlichste Anhängsel der gigantischen Landmasse Eurasiens, eingeklemmt zwischen Gelbem und Japanischem Meer – Korea. Im Norden zwei Flüsse, im Süden die Korea-Straße und gerademal so groß wie Großbritannien, gilt die Halbinsel trotz ihrer unscheinbaren Geographie als einer der heißesten Brennpunkte des 21. Jahrhunderts.

Denn die Koexistenz zweier Staaten unterschiedlichster Systeme – eingepfercht von den engen geographischen Gegebenheiten – droht aktuell in einem Konflikt mit globalen Folgen zu eskalieren. Der Super-Gau, den alle fürchten, der Krieg, der durch die Köpfe geistert, die Atombombe, die den US-Präsidenten nicht schlafen lässt und Chinas Diplomaten verärgert. Wie kam es dazu?

Den kleinsten gemeinsamen Nenner Nord- und Südkoreas zu finden, ist schwer. Allenfalls die Namen können dafür herhalten. Denn auch wenn es nicht die offiziellen Bezeichnungen sind, die Differenzierung in Nord und Süd zeigt schon den Kern des Konflikts auf. Korea ist der Bezugspunkt beider Staaten, diese Halbinsel in nächster Nähe zu Japan und China, im Norden die riesigen russischen Ebenen, im Süden ein kleines Stückchen Pazifik. Und doch trennen Grenzen die Koreaner in Nord und Süd, ideologische, politische und militärische.

Geschuldet ist diese Situation dem Kalten Krieg. Die Spaltung der Welt in zwei Systeme nach dem Zweiten Weltkrieg, die Etablierung der Machtblöcke – sie zerriss auch die koreanische Halbinsel und hinterließ zwei Staaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Norden das instabile, arme und diktatorisch regierte Nordkorea, im Süden das wohlhabende, hochentwickelte Südkorea.

Begonnen hatte alles mit der Besetzung Koreas durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg. Die Vormachtstellung des Inselvolkes im Westpazifik hebelten die Amerikaner jedoch mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki rasch wieder aus und zementierten durch Besatzungszonen ihren eigenen Einfluss in der Region. Die Spaltung Koreas war dabei ein Versehen der Nachkriegsordnung, da man – um einen Kompromiss mit den Sowjets zu erringen, die im Norden der Halbinsel Machtambitionen hegten – eine Grenze entlang des 38. Breitengrades vorschlug.

Das damit eine Teilung der Insel in zwei völlig unterschiedliche Systeme – Kapitalismus und Kommunismus – perfekt war, kristallisierte sich erst im Nachhinein deutlicher heraus, als nämlich das kommunistische Regime des Nordens überraschend den Süden attackierte und bis auf ein winziges Gebiet am äußersten Ende völlig überrannte. Ein Schock für die Amerikaner, da Chinesen und Sowjets den Norden unterstützt und sich der Kommunismus nun für sie bedrohlich weit in Asien ausgebreitet hatte. Die Gegenreaktion erfolgte prompt. Unterstützt von einer Verurteilung des UNO-Sicherheitsrates, die Nordkorea als Aggressor bezeichnete, holte man zum militärischen Gegenschlag aus und eroberte nun seinerseits die Halbinsel fast bis zum nördlichsten Rand. Im Nachhinein sollte dieser Konflikt nicht nur als Korea-Krieg, sondern auch als erstes Beispiel des sogenannten „Stellvertreterkrieges“ in die Geschichtsbücher eingehen.

Dass zwei miteinander konkurrierende Supermächte ihre Auseinandersetzungen auf dem Rücken Dritter austrugen, bestimmt die Geschichte der beiden koreanischen Staaten bis heute. Letztendlich endete der Korea-Krieg mit einem Waffenstillstand und der Einigung auf eine Grenze nahe des 38. Breitengrades.

Die wahrhafte Teilung der Halbinsel begann jedoch erst jetzt. In Nordkorea kam die kommunistische Dynastie der Kims an der Macht, deren letzter Vertreter mit seinen jüngsten Ambitionen auf die Atombombe eine gefährliche Destabilisierung der politischen Lage erreichte. In Südkorea etablierte sich im Zuge eines raschen Wirtschaftsaufschwunges eine westliche Konsumgesellschaft in einem demokratischen System. Dass sich Norden und Süden in so unterschiedliche Richtungen entwickelten, mag die Basis außenpolitischer Verspannungen sein, das wahre Problem liegt aber vielmehr bei der gefährlichen Instabilität des Phänomens Nordkorea.

Denn was genau in der „Demokratischen Volksrepublik Korea“ vor sich geht, entzieht sich nicht allein dem Blickfeld der Amerikaner, sondern auch zweifelnder Verbündeter wie China. Sicher zu bestätigen sind nur die hohe Armut der Bevölkerung, der Besitz von Atomsprengköpfen und dass die Bezeichnung „demokratisch“ – bezogen auf Nordkorea – nur als Farce zu verstehen ist. Ansonsten halten die Machthaber den eisernen Mantel der Isolation über das Land gebreitet. Wie genau perfide Propagandataktiken, Unterdrückung und totalitäre Systemstrukturen zusammenspielen, darüber kann die westliche Welt nur rätseln, ebenso in welchem Irrglauben oder auf welche Ideologie gepolt die Nordkoreaner leben. Zu sehen ist das Volk nur in Videomaterial des Regimes: als jubelnde Menge zu Füßen des „Obersten Führers“ Kim-Jong-un, als zackig marschierende Soldaten oder salutierend vor vorbeirollenden Atomsprengköpfen.

Die Atombombe. Sie ist es, mit der Nordkorea die Aufmerksamkeit des Rests der Welt auf sich gezogen hat, weswegen Amerikaner und Japaner ebenso wie Chinesen in der Region des Ostchinesischen Meeres nervös werden. Denn China steht hinter dem kommunistischen Regime des Kim-Jong-un, wenn auch wiederwillig. Die USA aber, denen der Diktator mit immer neuen Tests von Trägerraketen droht, sehen in Nordkorea eine Gefahr, die es möglichst schnell zu beseitigen gilt. In Washington weiß man, dass ein Krieg ebenso wie ein Zusammenbruch des instabilen Nordens fatale Folgen für die gesamte koreanische Halbinsel und die weltpolitische Lage hätte. Zu eng sind die Verflechtungen mit den Bündnispartnern Japan und Südkorea, zu fest steht China hinter Nordkorea, als dass man sich einen Fehltritt erlauben könnte. Die Folgen wären katastrophal. Im schlimmsten Fall sogar nuklear.

Nordkorea steht kurz vor dem Aus. Wirtschaftlich gehen fast alle Exporte nach China, welches im Gegenzug alle wichtigen Importe liefert, um das marode sozialistische System des Landes am Laufen zu halten. Industrieller Fortschritt geht gegen null. Die „Koreanische Volksarmee“ ist zwar zahlenmäßig eine der größten Armeen der Welt, allerdings schlecht ausgerüstet und technisch veraltet. Und auch hier bleibt letzten Endes nur ein Trumpf: die Bombe.

Sie ist das Ass Kim-Jong-uns, der Joker, den es nicht zu verspielen gilt. Außenpolitisch macht sie Nordkorea gefährlich, innenpolitisch dient sie als Propaganda und als Versicherung gegen das eigene Volk. Das Selbstvertrauen ist groß – trotz Sanktionen der Vereinten Nationen und USA arbeitet man mit Hochdruck weiter an den ersehnten Trägerraketen. Dass man sich dabei auf dünnem Eis bewegt, ist wohl Kalkulation, denn trotz verstärkter Präsenz des US-Militärs in der Region zeigt sich die nordkoreanische Seite völlig unbeeindruckt.

Südkorea unterdessen schielt auf ebendiese Seite mit höchster Anspannung. Von Seoul, der Hauptstadt des Landes, sind es nur etwa 80 Kilometer bis zur nordkoreanischen Grenzen. Man weiß, dass ein militärischer Schlag sie als erstes treffen würde. Die Installierung eines amerikanischen Raketenabwehrsystems kann da auch nicht beruhigen.

Die Situation bleibt also ein riskanter Drahtseilakt. Entspannen könnte sie wohl nur ein Verzicht Nordkoreas auf die Atombombe. Das ist nur leider mehr als utopisch.

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