Die Merkel-Renaissance

von MK

Die Merkel-Renaissance

In der Ruhe liegt die Kraft. Mit diesem Satz lassen sich 12 Jahre Angela Merkel als mächtigste Frau Europas, deutsche Kanzlerin auf weltpolitischer Bühne und Parteivorsitzende der Christdemokraten wohl am besten beschreiben.

12 Jahre Gelassenheit angesichts schwerer Krisen – Griechenland, die Ostukraine, der Zerfall der EU und nicht zuletzt der Einzug eines Populisten ins Weiße Haus. Niemals verliert die Kanzlerin die Contenance, niemals handelt sie unbesonnen, hektisch oder gar unüberlegt. Mit eiserner Beharrlichkeit, die fast schon an Sturheit grenzt, geht Deutschlands Regierungschefin die innenpolitischen und globalen Brennpunkte der Zeit an. Egal ob mit Russlands Präsidenten oder griechischen Verhandlungspartnern, angesichts scharfer Seitenhiebe der Schwesterpartei oder Donald Trump – Angela Merkel tritt immer gleich neutral auf. Gefasst. Und dabei macht sie ihre Standpunkte deutlich, beharrlich, auf den Durchbruch wartend. Die Kanzlerin verkörpert eine Politik der Unnachgiebigkeit, wie sie die Welt lange nicht mehr gesehen hat.

Der Name Angela Merkel ist für viele Menschen gleichbedeutend mit Stabilität, Kompetenz und Glaubwürdigkeit. National wie international. Lange galt die Bundestagswahl 2017 schon als entschieden – mit Merkel als Trumpf der CDU. „Wen hätten sie sonst auch nehmen sollen?“, fragte der damalige SPD-Vorsitzende Gabriel fast spöttisch, nachdem Merkel wie erwartet als Kanzlerkandidatin der CDU bestätigt worden war. Doch dann machte Gabriel Platz – Platz für den Newcomer der Bundespolitik, für den neuen Hoffnungsträger der SPD, der Gallionsfigur des „Schulz-Zuges“ – Martin Schulz. 100% Zustimmung, das beste Ergebnis, das ein Kandidat bei einer Wahl zum Parteivorsitzenden in Deutschland jemals erhalten hat. Die SPD im Aufwind, mit Einem, der deutliche Ambitionen auf das Kanzleramt hegt und dabei „vor Kraft fast kaum noch laufen kann“, wie es die ARD formuliert. Merkel wirkt auf einmal ziemlich anfechtbar. Vorbei die Illusion des sicheren Sieges, zerstört von Schulz auf der Überholspur in den Umfragewerten.

Die Union – das Bündnis der Schwesterparteien CDU/CSU – hat währenddessen mit inneren Problemen zu kämpfen. Tief ist das Misstrauen, das Merkels Flüchtlingspolitik und die scharfen Attacken aus Bayern geworfen haben, unüberwindlich scheinen die Positionen. Wöchentlich greift der CSU-Vorsitzende Seehofer Merkel an, die Situation ist angespannt, die Rhetorik scharf – die Zeiger stehen auf Konfrontation.

Die Aussöhnung erfolgt erst Monate später – im Neubau der Parteizentrale in München. Die Atmosphäre wirkt – trotz bayrischem Bier und Würstchengrillen – angespannt. Man weiß, dass es ein reines Zweckbündnis war. Das Ziel ist dennoch erreicht. Die Christdemokraten stehen wieder geschlossen da. Und das ist auch dringend nötig, angesichts anstehender Landtagswahlen, den Vorboten der Bundestagswahl im September. Die Union schaltet auf Wahlkampf-Modus.

Die Ängste aber sitzen tief. Wie sehr führt die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu Stimmenverlusten? Waren 12 Jahre Merkel zu viel? Wie verdrossen ist das Volk? Man fürchtet, dass sich der „Merkeleffekt“ in den Wahlergebnissen bemerkbar machen wird. Stimmenabwanderungen zur AfD. Das Schreckgespenst einer möglichen Rot-Rot-Grün-Koalition, vom SPD-Kanzlerkandidaten immerhin nicht ausgeschlossen, geistert durch die Köpfe.

Angela Merkel aber beharrt auf dem Politikstil der letzten 12 Jahre, der Stabilität – fast schon Verschlafenheit – in die Parteienlandschaft Deutschlands brachte. Kühlen Kopfes erwartet man in Berlin die Wahlergebnisse aus dem Saarland. Später auch Schleswig-Holstein und NRW. Erst wenn sich die Schulz-Euphorie in Zahlen niederschlägt, wird man im Kanzleramt wohl beginnen, an sie zu glauben. So lange ändert Merkel ihren Kurs nicht. Außenpolitisch drängen die beißenden Attacken des neuen US-Präsidenten ebenso wie das kriselnde Europa. Die Kanzlerin macht, was sie immer macht. Ruhe bewahren. Meinung vertreten. Auf einem Standpunkt beharren.

Und die SPD? Zerfleischt sich mittlerweile fast von selbst. Drei Landtagswahlen – drei Schlappen für die Partei. Der Wunderkandidat der Sozialdemokraten – Martin Schulz – erscheint ziemlich entzaubert. Die wirklich realistischen Aussichten aufs Kanzleramt sterben mit dem Sieg der CDU in Nordrhein-Westfalen, das erwartete Heimspiel der SPD endet mit einer katastrophalen Niederlage. Die Schuld schiebt man im Willi-Brandt-Haus dem fehlenden Wahlprogramm zu. Schulz muss jetzt liefern – allein schon um den Höhenflug der CDU zu beenden.

Denn die Spitzenkandidatin der Christdemokraten gilt mittlerweile nicht mehr als Belastung, sondern Joker der Partei. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass man die Landtagswahlen nicht nur mit, sondern gerade durch Merkel gewonnen hat. Die Strategie der Kanzlerin – Ruhe bewahren und auf einem Standpunkt beharren – scheint sich auszuzahlen. Während Martin Schulz Wurstfabriken und Regionalveranstaltungen besucht, um Wähler zu überzeugen, erscheint die Vorsitzende der CDU als global agierende Persönlichkeit – G7, Besuch im Weißen Haus oder EU-Gipfel.

Vielleicht wird Angela Merkel tatsächlich die Bundestagswahl im September gewinnen und in eine Reihe mit den Ewig-Kanzlern Kohl und Adenauer ziehen, beides Gallionsfiguren der Christdemokraten. Aber bis der Wähler tatsächlich den Gang zur Urne antritt, kann sich noch viel ändern. Die Renaissance der mächtigsten Frau Europas und der Sturz des Martin Schulz beweisen es.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s