Harry Potter und das verwunschene Kind

von MK

Harry Potter und das verwunschene Kind

Oder was ein Harry-Potter-Fan dazu zu sagen hat

1997 war ein echtes Glücksjahr für Joanne K. Rowling, denn der kleine britische Verlag Bloomsburry hatte ihr endlich ein Vertragsangebot zum ersten Buch der Saga um den „Jungen-der-lebt“ gemacht. Dankend nahm Rowling an, in Kleinauflage erschien „Harry Potter und der Stein der Weisen“. Gerade mal 500 Auflagen wurden in Erstauflage gedruckt und zum Verkauf angeboten. Dann geschah, womit keiner gerechnet hatte: Beinahe über Nacht wurde das Buch zum Verkaufsschlager. Die Rezensionen überschlugen sich, das Leserpublikum ist begeistert, der Verlag druckte nach und der kleine Junge mit der Blitznarbe begann seinen Aufstieg zur bekanntesten Fantasy-Figur der Jahrtausendwende.  Band zwei, „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“, erschien und nun feierte man nicht nur in Großbritannien, sondern auf der ganzen Welt Rowlings Schreibstil, die Idee der Romane und die Figuren, die darin vorkommen. Mit jedem neuen Roman, zum Schluss sieben an der Zahl, arbeitete sich die ehemalige Sozialempfängerin zur erfolgreichsten Autorin der Jahrtausendwende hinauf. 400 Millionen verkaufte Bücher weltweit, die Erfolge der Filme sind fast noch größer, Joanne K. Rowling übertrumpft mit ihrer Geschichte von dem kleinen Jungen mit der Blitznarbe selbst eingefleischte Klassiker wie „Herr der Ringe“.

Als ich zum ersten Mal einen Harry-Potter-Roman in der Hand hielt, kam ich nicht umhin zu denken, was für ein seltsames Buch das doch sei. Auf dem Titelbild: überdimensionale Schachfiguren und ein Junge mit Blitznarbe. Eine seltsame Geschichte von einem Jungen in Windeln und einer Frau, die sich in eine Katze verwandeln konnte. Schon nach vier Seiten war für mich Schluss. Ich stellte das Buch zurück und mied es für die nächsten Jahre. Später entdeckte ich durch irgendeinen Zufall Harry Potter wieder. Resigniert beschloss ich dem verworrenen Buch noch eine Chance zu geben. Ich begann also zu lesen-und war begeistert! Wie hatte ich nur ein so fantastisches Stück Literatur schmähen können! Die Handlung, das was Rowling da beschrieb-ein Meisterstück! Es brauchte nicht lange und ich hatte die komplette Reihe verschlungen, las einige Bände- zum Schluss alle- mehrmals, konnte besonders lustige Szenen auswendig.

Im Jahr 2016 nun gesellt sich ein neuer Teil der Harry-Potter-Reihe zu den ursprünglichen Büchern hinzu-diesmal in Form eines Dramas. Harry Potter und das verwunschene Kind.  Ohne das Buch auch nur aufgeschlagen zu haben, war ich schon skeptisch. Kann diese unglaublich gut erzählte Geschichte überhaupt noch um einen Band verlängert werden? Kann dieses Drama besser als die ersten sieben Bände oder ihnen zumindest ebenbürtig sein? Was tut uns Rowling da an? Ist die Geschichte von Harry Potter nicht schon auserzählt?

Schon im ersten Akt von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ wird an Altbekanntes angeknüpft. Harry mit Familie auf dem Bahnsteig 9 ¾, die eigentlich letzte Szene der Romanreihe, hier nun als Ausgangssituation für das Drama genutzt. Bisher ein nettes Ende zum Ausklingen des hochdramatischen letzten Bandes, eine kleine Hommage an Dumbledore und Co. durch die Namensgebung der Kinder Ron, Harrys und Hermines. Nun aber ist Harrys Sohn, Albus Severus Potter (oder einfach nur „Al“), der Protagonist der Geschichte. Neuland für Potter-Fans, bisher lag der Erzählfokus ausschließlich auf dem Jungen mit der Blitznarbe. Den Protagonisten der Romane nun in Vaterrolle zu sehen, ist natürlich ungewohnt. Bisher kannte man Harry ausschließlich als Teenager, weswegen er dahingehend auch ein Stück weit unglaubwürdig wirkt, als dass man beim Namen Harry Potter eben doch immer noch das Bild des kleinen Jungen im Schrank unter der Treppe vor Augen hat und nicht den erwachsenen Mann, der er nun ist.

Um diesen Makel zu kaschieren und vielleicht auch Harry in seiner Rolle ein wenig mehr Tiefe zu verleihen, lässt Rowling Vater und Sohn im Verlauf des Dramas in heftigem Konflikt zueinanderstehen. Albus hat es als Sohn des fast schon glorifizierten Harry Potters nicht leicht, er sieht sich ständigem Druck durch die Berühmtheit seines Vaters ausgesetzt, was zu einer grundlegend abweisenden Haltung seinerseits dem Rest der Familie gegenüber führt. Die Aufnahme ins Haus Slytherin trägt auch nicht gerade zur Entspannung der Situation bei, während die äußeren Umstände nicht weniger turbulent sind. Als ehemaliger Todesser und Harry-Antagonist steht der erwachsene Draco Malfoy in der Zaubererschaft Großbritanniens unter grundlegendem Generalverdacht mit jedweden mysteriösen Vorgängen etwas zu tun zu haben. Rowling konfrontiert Malfoy Junior, ein Freund Albus´, unterdessen mit dem doch sehr konstruierten Gerücht, er sei der Sohn Voldemorts. Die damit verbundene Entwendung eines Zeitumkehrers und die Suche nach diesem nutzt man als grobes Anfangsproblem der Handlung.

Es sind allerdings nicht nur die Malfoys, die unter Anfeindungen zu leiden haben. Der tragische (und lang verjährte) Mord an Cedric Diggory wirft seinen Schatten auf den Ruhm Harrys und kratzt an der Verehrung als Besieger Voldemorts. Ein stilistisch gut gewähltes Mittel, da eine bloße Glorifizierung der Person Harry Potter den Charakter in diesem Fortsetzungsband vielleicht zu platt hätte werden lassen. Aber warum ausgerechnet Cedric Diggory?

In „Harry Potter und der Orden des Phönix“ wird der Mord ausgiebig thematisiert. Warum greift Rowling also bei diesem Drama noch einmal in die Trickkiste und fördert ein derart verstaubtes Element der Romanreihe zutage? Leider kein Einzelfall in Harry Potter und das verwunschene Kind. In dem vermeintlich neuen Erzählstoff finden sich Splitter der Romanreihe wie am Kuhfladen die Fliegen. Beispielsweise an offene Enden der vorhergegangenen Bücher klammert sich das Drama hartnäckig, ganz einfach um passagenweise eine Geschichte erzählen zu können. Zum einen versucht es neu zu sein, frische Ideen einzubringen, ist aber gleichzeitig noch eine Art Hommage an Harry Potter. Ein gefährlicher Spagat, der nicht sonderlich überzeugend gemeistert wurde. Die einfach zu schwache Handlung und eine floskelhafte Sprache, vermischt mit einem übertriebene Sarkasmus, machen es dem Leser nicht leicht, zu den Figuren zu finden und in die Geschichte einzutauchen.

Aber Rowling wäre nicht Rowling, wenn sie es nicht geschafft hätte, auch mit diesem neusten Einblick in ihre Magische Welt zu begeistern. Anfangs durchaus holprig und mit strukturellen Problemen, die sich durch das ganze Drama ziehen, schafft es die Geschichte zur Mitte hin allerdings wirklich Atmosphäre zu schaffen. Kein hundertprozentiges Harry Potter-Feeling, sondern etwas Neues, etwas, das man bisher noch nicht kannte. Vielleicht liegt es eben an dieser neuen Generation von Hexen und Zauberern.

Trotzdem habe ich bei Harry Potter und das verwunschene Kind immer einen schönen Vergleich im Kopf: Ein Hochhaus, aus sieben Stockwerken, mit dicken Betonstützen, die es tragen und eine solide Haltung bis zur siebten Etage ermöglichen. Das sind die Romane, die gut durchdachten Handlungsstränge, die eine Spannung bis ganz zum Schluss ermöglichen und das gesamte Gebäude tragen. Jetzt stelle man sich ein weiteres Stockwerk vor, das ganz oben hinzugefügt wurde und das sich auf die Enden der Betonsäulen stützt. Mit diesem letzten Anhängsel des Gebäudes würde ich das Drama vergleichen.

Die Meinungen mögen zu Harry Potter und das verwunschene Kind auseinandergehen. Es wird interessant werden zu beobachten, wie die Welt auf diesen neuen, jungen Harry Potter und andere Kritiker auf das Drama reagieren. Bisher deutet nichts auf einen geringeren Erfolg als den der Romanreihe hin. Harry Potter und das verwunschene Kind ist in Deutschland unter den Bestsellern zu finden. Gleich daneben: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind- Das Originaldrehbuch.

Für einen kritischen Blick ist es nie zu spät. Zu diesem neusten Werk J. K. Rowlings allerdings erst in einer neuen Rezension.

 

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